Mysterien der Sabier

von Prof. J. B. Segal

In Nord-Mesopotamien liegt die uralte Stadt Harran. Hier lebten Abraham und Sarah, bevor sie "sich aufmachten um in das Land Kanaan zu ziehen", und in Harran hütete Jakob die Herden Labans.
Besonders berühmt aber war Harran als Kult-Zentrum: Es war Mittelpunkt der Verehrung des Mondgottes Sin - den "Größten der Götter und Göttinnen". Dieser Kult der Verehrung des Mondes und der Planeten hielt sich auch nach dem Aufstieg des Christentums und sogar bis in die islamische Periode hinein. Seine Anhänger wurden "Sabier" genannt.
Im 5. oder 6. Jahrhundert wurde Harran von einer spanischen Äbtissin auf einer Pilgerfahrt besucht, und sie verzeichnet in ihrem lateinisch geschriebenen Tagebuch: "Außer einigen wenigen Geistlichen und heiligen Mönchen traf ich nicht einen einzigen Christen an; alle waren Heiden."
Als der König von Persien im 6. Jahrhundert in dieses Gebiet einfiel, verschonte er Harran als "Bollwerk des alten Glaubens", und 638-639 n. Chr. waren es die Heiden von Harran, die die Initiative zur Übergabe ihrer Stadt an die Moslem-Armee ergriffen.
Zwei Jahrhunderte später, etwa aus dem Jahr 830 n. Chr., ist uns die erste historische Erwähnung der Sabier überliefert:
Der Kalif Abdullah al-Ma'mun zog damals durch Harran, als er einen Angriff auf das Gebiet von Byzanz unternehmen wollte.

Der Chronist erzählt:
"Die Leute kamen ihm entgegen, um ihm Glück zu wünschen. Unter ihnen war eine Gruppe von Harranern. Ihre Kleidung zu jener Zeit bestand in einem Überrock, und ihre Haare waren lang und in Locken gedreht, wie die Locken von Qurrah, dem Großvater von Sinan ibn Thabit. Al-Ma'mun staunte über ihren Aufzug und sagte ihnen das auch.
'Zu welcher gedulteten Gemeinschaft gehört ihr?'
Sie antworteten: 'Wir sind Harraner.'
Er fragte: 'Seid ihr Christen?'
Sie antworteten: 'Nein.'
Er fragte weiter: 'Dann seid ihr also Juden?'
Sie antworteten: 'Nein.'
Er fragte: 'Dann seid ihr Anhänger des Zoroaster?'
Sie antworteten: 'Nein.'
Er fragte: 'Dann habt ihr also ein Buch der Offenbarungen oder einen Propheten?'
Da wurden sie in ihrer Rede verwirrt.
Er sagte zu ihnen: 'In diesem Fall seid ihr Heiden, die Idole verehren; ihr seid das sprechende Haupt aus den Zeiten Harun-al-Raschids, meines Vaters. Euer Blut darf ungestraft vergossen werden; ihr seid keine geduldete Gemeinde!'
Sie antworteten: 'Aber wir bezahlen doch die Kopfsteuer.'
Er sagte zu ihnen: 'Wir nehmen die Kopfsteuer nur von jenen Nicht-Moslim an, die den Religionen anhängen, die Allah - er sei gepriesen und verherrlicht! - in seinem Buch erwähnt hat und die ein Offenbarungs-Buch besitzen. Aus diesem Grund haben die Moslim ihren Frieden mit ihnen gemacht.
Aber ihr gehört weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe. Deshalb sollt ihr jetzt eine der beiden Richtungen wählen - entweder die Religion des Islam annehmen oder eine der Religionen, die Allah - er sei gepriesen! - in seinem Buch erwähnt hat. Wenn ihr das nicht tut, werde ich euch alle niedermetzeln.
Ich gewähre euch eine Frist, bis ich von meiner jetzigen Reise zurückkehre. Wenn ihr dann den Islam angenommen habt oder eine der Religionen, die Allah - er sei gepriesen und gerühmt und verherrlicht! - in seinem Buch erwähnt hat wird es gut sein, aber wenn ihr das nicht tut, habe ich den Befehl gegeben, dass ihr erschlagen und gänzlich ausgerottet werdet!...'
So veränderten sie ihren Aufzug und rasierten ihre Locken und gaben ihren Überrock auf. Viele von ihnen wurden Christen und legten den Gürtel an, der für Christen vorgeschrieben war, und eine Gruppe nahm den Islam an. Aber einige blieben, was sie waren. Diese gerieten immer mehr in Verwirrung und Angst, bis sich ein Scheich von Harran, ein Jurist, ihrer Sorgen annahm.
Er sagte ihnen: 'Ich habe einen Plan, nach dem ihr entkommen und vor dem Hinmorden gerettet werden könnt.'
Sie brachten ihm eine große Summe Geldes aus ihrem Schatz, den sie seit den Tagen des al-Raschid für diesen Zweck erneuert hatten...
Der Jurist sagte zu ihnen: 'Wenn al-Ma'mun von seiner Reise zurückkehrt, sagt ihm: "Wir sind Sabier", denn dieses ist der Name einer Religion, die Allah - er sei gepriesen! - im Koran erwähnt hat. Nehmt ihn an, und durch ihn werdet ihr entkommen.'
Al-Ma'mun kehrte nicht nach Harran zurück. Er starb in Budendun im Jahr 833 n. Chr. "Aber", fährt unser Chronist fort, "seit jener Zeit tragen die Harraner diesen Namen, weil es in Harran und dessen Gebieten vordem keine Leute gegeben hatte, die Sabier genannt wurden. Als die Nachricht vom Tod al-Ma'muns sie erreichte, fielen die meisten Harraner, die Christen geworden waren, wieder von dieser Religion ab und kehrten zu dem Glauben von Harran zurück. Sie ließen sich die Locken wachsen, wie sie es getan hatten, bevor al-Ma'mun durch Harran gezogen war, unter dem Vorwand, dass sie Sabier seien. Aber die Moslim hinderten sie daran, dass sie auch wieder den Überrock trugen, da dieser zur Kleidung der Herrschenden gehörte. Die Harraner, die den Islam angenommen hatten, konnten nicht von ihm abfallen, aus Angst, erschlagen zu werden. Sie mussten weiterhin innerhalb des Islam ihren wahren Glauben verbergen. Sie pflegten harranische Frauen zu heiraten; sie ließen ihre männlichen Kinder Moslim werden, ihre Mädchen wurden Harranerinnen."

Im heutigen Harran gibt es überall Spuren seiner wechselvollen Vergangenheit. Ein Dorf von ungefähr hundert bienenkorbförmigen Hütten bildet den südöstlichen Teil der alten Stadt, überragt von den Ruinen der Großen Moschee und der Zitadelle, an deren Stelle der letzte Tempel der Sabier stand. Im ersten Jahrtausend unserer Ära widerstanden die Sabier der eindringenden Flut des Christentums und des Islams und blieben auch angesichts der Verfolgungen immer den Grundlehren und Riten ihrer seltsamen Religion treu. In den bewegten Kämpfen des 12. und 13. Jahrhundert wurde ihr letztes Glaubenszentrum von den Mongolen zerstört, und die Sabier verschwanden aus Harran.
Sie waren zum Großteil Semiten - genauer gesagt Aramäer - und Anbeter der Planeten.

Quelle: Bacon, Edward: Versunkene Kulturen - Geheimnis und Rätsel früher Welten, München, 1963

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