Interview mit Denho Ghattas Makdisi Elias
Seine Poesie ist kraftvoll und tiefsinnig. Die Erhabenheit seiner Gedanken und die Schönheit seines Stiles machen ihn zum besten aramäischen Poeten der Gegenwart. Der Aram-Preis für die aramäische Sprache und Literatur ist nur eine von zahlreichen Auszeichnungen, mit denen er ausgezeichnet wurde.
Denho Ghattas Makdisi Elias wurde 1911 in Midyat geboren und lebt seit 1980 in der brasilianischen Metropole São Paulo.
Wie fühlen Sie sich, und wodurch konnten Sie derart Kraft und Gesundheit bewahren, dieses gesegnete Alter zu erreichen?
Ich bin krank gewesen und bin gerade aus dem Krankenhaus zurück. Mein ganzes Leben war ich kerngesund, bis ich 90 Jahre alt wurde. Ich schreibe meine Gesundheit meinen mentalen und physischen Aktivitäten zu. Ich habe die Angewohnheit jeden Tag eine Stunde zu laufen und setze dies bis heute fort, wenn ich kann.
Sie schrieben viele Gedichte, welche in Ihren Büchern und im Aram Magazin von Dr. Assad veröffentlicht wurden. Wann fingen Sie an mit dem Dichten?
Als ich mit dem Dichten anfing, war ich noch ein Student und schrieb auch während meiner zweijährigen Tätigkeit als Lehrer in der Syrischen Schule in Damaskus weiter. Danach hörte ich für wenige Jahre auf und begann mit der Syrischen Presse, der Nshra Suyrianieh, wie es in der arabischen Sprache heißt. Wir brachten diese Zeitschrift 1943 in Alepppo heraus, als ich das Schreiben wieder aufgenommen hatte, bis 1947. Die Zeitschrift war hauptsächlich in Arabisch, jedoch mit einem großen Teil in Syrisch.
Welches Ihrer Gedichte gefällt Ihnen persönlich am besten?
All meine Gedichte sind wie meine Kinder und ich liebe sie alle. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich Nebo d Houno (Brunnen der Gedanken) wählen. Genauso mag ich Wat Qaiomat.
Was motiviert(e) Sie, diese Gedichte zu verfassen?
Was mich motivierte Gedichte zu schreiben, war meine Liebe zur aramäisch-syrischen Sprache. Meine Hoffnung, und die Hoffnung meiner anderen Kollegen war es, unsere Sprache aufleben zu lassen und zu modernisieren.
Zusammen mit Faulus Gabriel haben Sie vor 50 Jahren die Liebesgeschichte “Paul et Virginie” aus dem Französischen ins Syrische übersetzt. Wie sind Sie auf dieses Buch gestoßen?
Wie ich bemerkte, wollten wir unsere Sprache modernisieren und sie von ihrem religiösen Zusammenhang, welcher dominierend war, in einen breiteren, mehr modernen und zeitgemäßen Zusammenhang erweitern. Paul und Virginie war der Beginn einer Bewegung, welche weiter getragen und fortgesetzt werden sollte auf dem Weg der Modernisierung.
In Ihrem Buch “tugone” gibt es eine Korrespondenz zwischen Ihnen und Malfono Naaman Qarabashi aus den den Vierzigern. Welche Erinnerungen haben Sie an Qarabashi? Wann sind Sie diesem großen Lehrer zum ersten mal begegnet und wann zuletzt?
Ich kannte Malfono Qarabashi persönlich nicht sehr gut. Aber ich kannte ihn von seinen Werken. Er war ein großartiger Poet und Schreiber und ich bezeichne ihn als den syrischen Poeten des 20. Jahrhunderts. Ich traf mich mit ihm mehrere Male in den 40er und 50er. Und obwohl ich bei einigen seiner Ideen eine andere Meinung hatte, respektierte ich ihn zutiefst.
Wie haben Sie die bitteren Zeiten des Sayfo durchlebt, der 1915 über unser Volk kam? Sind zu der Zeit Familienangehörige und/oder Freunde von Ihnen gestorben? Gibt es eine bestimmte Geschichte im Zusammenhang mit dem Sayfo, welche Sie besonders betroffen gemacht hat?
Ich war damals viereinhalb Jahre alt. Ich war mit meiner Großmutter zu Hause, während mein Vater Touma sich um die Sicherheit der protestantischen Familien kümmerte, deren Männer von der türkischen Regierung ermordet worden sind. Das war kurz vor dem Krieg. Als der Krieg ausbrach, trug mich meine Großmutter auf ihren Schultern und floh mit hunderten anderen von Midyat nach Ainwardo. Meine Großmutter war sehr alt und wurde extrem nervös und mental verwirrt mit all dem. Auf dem Weg nach Ainwardo, nicht gewahr dessen was sie genau tat, ließ sie mich auf dem Weg und rannte (ohne mich) weiter. Wir haben sie nie wieder gesehen. Danach brachten mich andere Leute, die mich kannten, nach Ainwardo. Dort brachten sie mich zu meinem Vater, der sehr betrübt und niedergeschlagen war, da er dachte, ich wäre tot. An all das erinnere ich mich, als wäre es heute geschehen.
Wer waren in Ihrer Jugend die wichtigsten Führer und Intellektuellen unseres Volkes, Leute, die Sie bewundert haben? Gab es Persönlichkeiten, welche Sie gewissermassen als Idole gesehen hatten?
Die Führer und Helden, zu denen ich aufschaute, waren Massoud, Galo Shabo und mein Vater Touma. Sie waren die Helden in der Verteidigung von Ainwardo. Als Intellektuelle sind Hasyo Yuhanon Dolabani und Naum Faik meine Vorbilder, da sie mit der nationalen und kulturellen Bewegung unseres Volkes begannen.
Hatten Sie durch die türkische Politik irgendwelche Formen von Türkisierungsversuchen unseres Volkes festgestellt? Zum Beispiel Verbote von nationalen Empfindungen, Unterricht in unserer eigenen Sprache, und Aufzwingen von türkischen Namen?
Es gibt eine wohlbekannte Geschichte über Patriarch Elias Shakir, welcher von Atatürk unter Druck gesetzt wurde, während den Friedensverträgen keine Rechte oder Anerkennung für unser Volk zu fordern. Können Sie sich an diese Erzählung erinnern, und hatten Sie dazumals darüber gesprochen?
Seit meinen jungen Jahren fühlte ich die Unterdrückung und die Vorurteile der Türken gegen unser Volk und anderen Minderheiten. Sie vertrieben uns von unserer Heimat und nahmen uns das Land, in dem wir seit tausenden von Jahren vor ihnen lebten.
Sie töteten unsere Männer und unsere wehrlosen Frauen, nachdem sie sie vergewaltigten und setzten ihre Politik des Hasses und der Unterdrückung fort, sogar nachdem sie mehrere Verträge unterzeichneten, durch die sie den Völkermord beenden sollten und das Leben für den Rest der Bevölkerung normalisieren sollte.
Diese fortgesetzte Politik des Hasses und der Beeinträchtigung ließen unser Volk auf der Suche nach Freiheit in die europäischen Länder und die USA immigrieren.
Ich erinnere mich, dass im Jahre 1919 eine Delegation von Vertretern unseres Volkes zur UN gesendet wurde, um unsere Situation zu erklären und ein Heimland für ein friedliches Leben zu sichern. Aber selbst die zivilisierte Welt war gespalten in dieser Sache und war wegen der von der Türkei unterzeichneten Verträge abgeneigt, etwas zu unternehmen.
Haben Sie einen Artikel oder ein Buch über den Sayfo geschrieben? Falls nicht, wieso?
Gibt es eine spezifische Botschaft, welche Sie unseren Leuten in der Diaspora mitteilen möchten im Zusammenhang mit der Frage, wie man mit der Tatsache umgeht, dass vor 90 Jahren gezielte Massentötungen ihrer Großeltern und weiteren Landsleuten stattfanden?
Ich schrieb nichts über den Sayfo. Obwohl ich mich an viele bestimmte Ereignisse und Einzelheiten erinnere, ist mein Gedächtnis und Bild davon nicht umfassend und ausgeprägt genug. Viele Schreiber haben über dieses Thema eingehend und gründlich geschrieben.
Können Sie uns etwas über Ihre Zeit in Adana erzählen? Wieviele Aramäer hatten sich dort angesiedelt?
Hatten Sie je eine aktive Rolle in der Schule des Waisenhauses von Adana und/oder haben Sie aktiv mit dem Hasyo Dolabani in einem Projekt mitgearbeitet?
Es waren wohl mehr als hundert Familien, die sich in Adana niederließen. Einige von ihnen wanderten vor dem Sayfo dort ein. Manche dieser frühen Einwanderer wurden wohlhabend, von der Landwirtschaft, und gründeten ein Waisenhaus und eine Schule für unser Volk. Diese Familien waren Shakero Chilico, Garabet Salhi, und Saado Makdisi Elias, mein Onkel. Sie setzten die Arbeit für die Schule und des Waisenhauses, welches Tau.Mim.Simkat hieß, fort bis ein Wohltätigkeitsverband aus den USA die Arbeit übernahm.
Herr John Wahan wurde zum Direktor der Schule ernannt und Hasyo Dolabani kam aus Mardin um die Syrische Sprache zu unterrichten. Ich war jung und lernte von ihm die Grundlagen der Syrischen Sprache. Malke Asaad war ebenfalls einer der Lehrer, und wurde später mein Schwiegervater. Unter meinen Kameraden und Freunden in der Schule waren Hasyo Athanasius Samuel und Abrohom Sowmy, der später mit seiner Familie nach Brasilien einwanderte.
1934 schrieben Sie ein Gedicht über den Tur Abdin. Haben Sie den Tur Abdin jemals wieder gesehen?
In welchem Sinne haben sich Dinge und vielleicht Haltungen der Menschen geändert im Vergleich dazu, woran Sie sich erinnern können, bevor Sie den Tur Abdin verließen?
Ich verließ den Tur Abdin als ich sieben Jahre alt war und später in meinem langen Leben verreiste ich in viele Länder auf der ganzen Welt, doch schreckte davor zurück in die Türkei zu gehen. Die Greueltaten, die die Türkei gegen unser Volk verübte, hinterließen ein starkes Gefühl in meinem Herzen und meiner Seele und hinderten mich daran, die Türkei zu bereisen.
Können Sie uns sagen, wie Sie das Aufkommen und die Verbreitung der Assyrischen Ideologie gesehen haben? Wer waren die Begründer dieser Idee? Und wo hat Ihrer Meinung nach die Aramäische Ideologie ihre Ursprünge, und wer hat die Basis hierfür gelegt?
Die Assyrische Bewegung begann in Amid (Diyarbakir) und Urmia, im Iran. Die Aramäer und Assyrer, die die Bewegung einführten, gründeten einige Organisationen in den USA, die die Bewegung finanziell unterstützten. Sie glaubten, wir wären Teil des alten Assyrischen Reiches, und dass wenn unser Volk sich der Bewegung anschließen würde, sie glaubhafter machen würde und irgendwo im Nahen Osten ein Heimatland verlangen kann. Meiner Meinung nach ist dies eine falsche Interpretation der Geschichte. Das Assyrische Reich, als es zusammengebrochen war, wurde vollständig in die Aramäische Kultur, die den Nahen Osten durch ihre vielen Königreiche und Reiche beherrschte, und von welcher das Chaldäische das letzte war, vermischt und absorbiert. Selbst nach dem Fall des letztes Reiches lebte die Aramäische Kultur und Sprache für Jahrhunderte danach fort. Die Bezeichnung Assyrer war eine Bezeichnung, welche den Ostaramäern in den letzten hundert Jahren gegeben wurde und diese Menschen sind in Wirklichkeit Aramäer aus dem Osten. Die Aramäische Kultur lebt seit Jahrhunderten, und nun sehen wir ein Wiederaufleben in der Diaspora, da das aramäische Volk nun sprechen und unbehindert denken kann, fern der Unterdrückung, die es in den letzten hundert Jahren erlitt. Deine Webseite (www.urhoy.info) ist eines der Beispiele dieser freien Meinungsäußerung und der Verbreitung unserer Kultur.
Welches waren Ihre Gründe, sich den Assyrern und den Unternehmungen, diese neue Idee zu verbreiten, nicht anzuschließen? Und was glauben Sie war die Hauptmotivation von Abrohom Sowmy, der wie Sie aus Midyat stammte und nach São Paolo auswanderte, sich der Assyrischen Bewegung anzuschließen?
Ich schloss mich nicht der Assyrischen Bewegung an, weil sie sich nicht auf ein solides historisches und kulturelles Fundament stützte, wie ich erklärt habe. Seit den frühen Jahren des Christentums waren wir als Aramäer bekannt, und unsere Kirchenväter bestätigen das durch ihre Schriften, welche wir in unseren Bibliotheken haben. Was meine Freundschaft mit Malfono Ibrahim Sawme betrifft, sie begann als wir Studenten in Adana waren und es war eine Freundschaft mit einem Mann, der ein echter Syrer [Suryoyo] war, und sein Volk und seine Sprache liebte. Während meiner Begegnungen mit ihm diskutierten wir über Sprache und Kultur und nicht über Politik.
Als Sie nach Brasilien gingen, hatten Sie von Anfang an vorgehabt, dort zu bleiben, oder eventuell nur für eine gewisse Zeit, um dann in die Heimat zurückzukehren?
Ich kam nach Brasilien um mich hier niederzulassen, da der Nahe Osten eine Zeit der Unsicherheit durchlief. Einige meiner Kinder waren schon hier und ich wollte mich ihnen anschließen.
Welches war das schönste Erlebnis in Ihrem Leben und welches das schlimmste?
Das beste und schönste Erlebnis war meine Rückkehr zum Schreiben, nachdem ich für eine lange Zeit während meines Dienstes in der Landesregierung damit aufgehört hatte.
Ich fühlte mich vollkommen und verwirklicht mit der Rückkehr zur literarischen Arbeit.
Das schlimmste Erlebnis meines Lebens waren die Greueltaten, die gegen unser Volk im Sayfo von 1915 verübt worden sind, mitzuerleben. Dies sind schockierende Bilder, die immer noch tief eingeprägt in meiner Erinnerung sind.
Wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten, hätten Sie irgendwas anders gemacht?
Ich würde mein ganzes Leben und meine ganze Arbeit der Literatur und Kultur im Allgemeinen, und besonders der Syrisch-Aramäischen Literatur und Sprache widmen.
Haben Sie ein Wort an die Aramäer in der Diaspora?
Die Aramäer sollen niemals ihre ursprüngliche Sprache und Kultur vergessen und ihre Liebe zu Beth Nahrin. Sie sollten stolz sein, Aramäer zu sein.
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